Kiosk-Erna – Bunte Tüten und Feierabendbier

Der Kiosk in der hannoverschen Südstadt hat schon längst Kultstatus erreicht, und mit ihm die sympathische Hannoveranerin Erna Koch. Seit über 40 Jahren versorgt sie Jung und Alt in der Südstadt – bunte Tüten und Feierabendbier gehören hier zum Alltag. Genauso auch der Klatsch und Tratsch mit den Stammkunden. Eure Redaktion traf sich zum Schnack mit Erna Koch und bekam Einblick in das interessante Leben der Südstädterin.

Die Kult-Südstädterin Erna Koch in ihrem Kiosk

Die Kult-Südstädterin Erna Koch in ihrem Kiosk

Seit wann arbeitest Du schon im Kiosk?
Ich habe 1966 angefangen, im Kiosk zu arbeiten. Wir waren zwei Jahre in Vahrenwald und hatten dort ein Kiosk, die Räumlichkeiten waren aber sehr klein. Also sind wir in die Südstadt, das war im Jahr 1969. Vorher habe ich als Serviererin gearbeitet und mein Mann war Fernfahrer. Wir haben dann beide unseren Beruf aufgegeben und wollten uns selbstständig machen. Uns kam die Idee, eine Trinkhalle zu übernehmen. Wir haben uns unter dem Begriff „Trinkhalle“ ursprünglich etwas anderes vorgestellt. Ich war der Meinung, das wäre ein Raum, in dem man etwas trinken kann und ich die Leute als Serviererin weiterhin bedienen kann.
Dieser Kiosk hier in der Südstadt war früher ein Tante-Emma-Laden. Wir haben den Laden dann übernommen und vollständig renoviert. Es gab hier früher beispielsweise eine Milchbar – eine Milchkanne mit Pumpe. Früher hatten wir auch noch einen Imbiss hier in der Trinkhalle. Da hatten wir noch ein Gaststättengewerbe. Wir hatten einen Bratwurstgrill und außerdem noch einen Grill für Hähnchen. Als mein Mann dann gestorben ist, habe ich den Imbissbetrieb eingestellt, weil es einfach sehr viel Arbeit war. Das habe ich allein nicht geschafft.

Dein Mann ist schon recht früh verstorben. Du hast den Kiosk trotz Deiner damals drei kleinen Kinder aber trotzdem weitergeführt. Das war sicher nicht leicht, oder?
Nach dem Tod meines Mannes wusste ich nicht, ob ich den Kiosk weiterführen kann. Ich hatte ja drei kleine Kinder, um die ich mich kümmern musste. Der ganze Einkauf der Waren und das Verkaufen im Kiosk nahm viel Zeit in Anspruch. Andererseits konnte ich den Kiosk nicht aufgeben, weil die Rente sehr klein war. Davon hätten wir nicht über die Runden kommen können. Ein Mann vom Amt hat mir dann geraten, den Kiosk weiterzuführen. Die Wohnung ist ja direkt am Kiosk, also hatte ich auch immer die Kinder direkt in meiner Nähe und unter Aufsicht. Ich habe dann angefangen, mir die Ware von verschiedenen Lieferanten liefern zu lassen. Im Nachhinein war es eine sehr gute Entscheidung, den Kiosk weiterzuführen

Wie hat sich die Kiosk-Landschaft in Hannover im Vergleich zu früher verändert?

Im Kiosk von Erna Koch gibt es auch Kuriositäten zu bestaunen

Im Kiosk von Erna Koch gibt es auch Kuriositäten zu bestaunen

Früher standen die Leute Schlange vor dem Kiosk. Es gab damals noch sehr wenige Supermärkte. Und die, die es gab, haben schon um 18 Uhr geschlossen. Danach war dann hier am Kiosk besonders viel Betrieb. Die Wohnung ist direkt über dem Kiosk. Mein Mann war damals allein im Kiosk und hat die Kunden bedient, während ich mich oben um die Kinder gekümmert habe. Er rief dann zu mir rauf, dass ich herunterkommen solle, weil der Andrang so groß war und ich ihm helfen musste. Mein Mann wurde immer nervös, wenn vier, fünf Leute vor dem Kiosk standen und etwas kaufen wollten.
Das Geschäft lief dann für einige Jahre sehr gut und die Kioske sind in Hannover wie Pilze aus der Erde geschossen. Anders wurde es, als es mehr und mehr Supermärkte gab. Dann wurden die Öffnungszeiten erst auf 20 Uhr und später sogar auf 22 Uhr verlängert. Da hat man den Unterschied zu früher sehr deutlich gemerkt. Viele Kioske mussten daraufhin schließen, weil die Leute nur noch in den Supermärkten eingekauft haben. Früher waren die Kioske „Rettung in der letzten Not“. Das ist heute zum Teil noch immer so. Gerade an den Sonntagen merkt man, dass die Leute darauf angewiesen sind, am Kiosk einzukaufen, weil die Geschäfte geschlossen haben.

Also kann man sagen, dass die Supermärkte zum Teil verantwortlich dafür sind, dass viele Kioske schließen müssen?
Ja, das ist sicher ein Grund. Früher durften die Drogerien, Tankstellen und Supermärkte manche Artikel auch gar nicht verkaufen, zum Beispiel Parfümerieartikel. Das hat das Gewerbeamt sehr stark kontrolliert. Wir haben früher also Parfüm verkauft. Ich habe noch immer ein paar Flaschen 4711 Kölnisch Wasser im Regal stehen. Heutzutage dürfen die Geschäfte alles verkaufen und haben teilweise auch rund um die Uhr geöffnet.
Viele Kunden sagen mir aber immer, dass die Tankstellen usw. keine Konkurrenz für mich sind. Ich habe viele Stammkunden, die grundsätzlich nur bei mir kaufen und sagen „Der kleine Mann muss ja auch leben.“ Viele Stammkunden kaufen beispielsweise die Zeitung nur bei mir. Auch wenn es sie schon längst beim Bäcker zu kaufen gibt. Die sagen dann „Nein, die Zeitung kaufe ich nur bei Frau Koch.“ Gerade die älteren Leute sind da sehr traditionell und kaufen die Brötchen beim Bäcker und die Zeitung nur im Zeitungsladen, also bei mir.

Erna Koch ist in ihrem Kiosk immer Aktion - das hält jung

Erna Koch ist in ihrem Kiosk immer in Aktion - das hält jung

Welche Biersorte wird bei Dir am meisten gekauft?
Herrenhäuser. Wir hatten ja früher erst einen Kiosk in Vahrenwald, das war ja auch ein Arbeiter-Viertel. Die Brauereien haben dann einen großen Fehler gemacht. Die Arbeiter haben damals überwiegend Lindener Spezial getrunken. Dann fingen aber die Brauereien an, das Lindener Bier am Flaschenhals mit einer silbernen Folie zu bekleben. Das mochten die Arbeiter überhaupt nicht, sie mussten die Folie immer abkratzen und es klebte am Mund. Daher sind sie auf Herrenhäuser umgestiegen. Daran haben sie sich dann auch gewöhnt und sind bei Herrenhäuser geblieben.
Ich verkaufe auch kein Oettinger. Ich habe einmal eine Kiste Oettinger gekauft und meinen Kunden angeboten. Da haben die Kunden gemeckert: „Sagen Sie mal Frau Koch, wollen Sie uns jetzt dieses Penner-Bier andrehen?!“. Beim Bier darf man auch nicht sparen. Dann sollen die Leute lieber anständiges Bier trinken und dafür dann eben eine Flasche weniger.
Auch Mischbier gibt es bei mir nicht – Herrenhäuser Alsterwasser ausgenommen. Ansonsten nur „reinrassiges Bier“.

Wie lange möchtest Du den Kiosk noch weiterführen?
Es geht dabei überhaupt nicht um das Finanzielle. Ich muss den Kontakt zu den Leuten haben. Ich habe den Kiosk seit über 40 Jahren und bin selbständig. Seit dem habe ich schon immer mit Leuten zu tun. Und vorher hatte ich als Serviererin ja auch schon immer mit Menschen gearbeitet. Ich würde krank werden, wenn ich allein in meiner Wohnung sitzen würde. Deshalb würde ich sagen, solange ich kann und die Gesundheit mitspielt und auch der Kopf noch normal ist, mache ich den Kiosk weiter.

Der Kiosk respektive die Trinkhalle von Erna Koch ist in der Südstadt von Hannover allseits bekannt.

Der Kiosk respektive die Trinkhalle von Erna Koch ist in der Südstadt von Hannover allseits bekannt.

Mit 81 Jahren bist Du noch immer sehr fit. Wie schaffst Du das?
Ich tanze häufig zur Musik im Radio, das läuft bei mir eh den ganzen Tag. Auf NDR läuft immer gute Musik. Besonders Elvis Presley mag ich. Wenn ich Zeit habe, fahre ich auch sehr gern mit dem Fahrrad am Maschsee. Auch hinter dem Neuen Rathaus sitze ich gern und lese. Andere alte Leute sitzen in der Wohnung vor dem Fernseher, lesen viel oder machen Rätsel. Das mache ich alles nicht, weil ich immer in Bewegung war. Das hält mich fit.

Was hältst Du von den jugendlichen Testkäufern?
Bei mir versuchen häufig junge Leute, Zigaretten oder Alkohol zu kaufen. Aber die Tricks kenne ich schon. Meistens läuft es so: „Ich hätte gern eine Tüte Chips, einen Kakao und … oh, der Bus kommt gleich … eine Flasche Wodka noch.“ Darauf falle ich natürlich nicht rein und lasse mir immer den Ausweis zeigen.
Ich finde es gut, dass es die Testkäufer gibt. Mein Sohn hat sich mit damals 14 Jahren dermaßen betrunken, dass ihn seine Kumpels mit dem Taxi nach Hause fahren lassen mussten. Von daher finde ich es gut, dass es die jugendlichen Testkäufer gibt. Andererseits kommen die Jugendlichen sowieso an ihre Zigaretten und den Alkohol, wenn sie es denn unbedingt wollen. Sie schicken dann einfach einen Kumpel vor, der 18 ist.

Was war Dein bisher spannendstes Erlebnis?
Da gab es schon viele. Besonders in Erinnerung sind mir aber natürlich die Überfälle geblieben. Insgesamt wurde ich schon dreimal überfallen. Einmal wurde ich sogar angeschossen. Als ich mich zur Seite geduckt und meinen Arm zum Schutz vor das Gesicht gehalten habe, wurde mir mit einer Gaspistole an den Arm geschossen. Die Narbe sieht man immer noch. Der Täter wurde aber gefasst und hat seine Strafe dafür bekommen. Ich habe sogar vom damaligen Oberbürgermeister Schmalstieg einen Genesungswunsch per Post bekommen. Wenige Stunden nach dem Überfall stand ich aber schon wieder im Kiosk und habe gearbeitet. Schließlich kennen es die Leute ja nicht anders.

Danke Dir für das Gespräch, Erna, und weiterhin alles Gute.

Während unseres Interviews wurden übrigens zwei Flaschen Herrenhäuser, ein Schachtel rote Gauloises, zwei Flaschen Wodka, ein Flasche Jever, zwei Capri Sonne, eine Schachtel John Player Special rot, Blättchen, eine Schachtel orangene Pall Mall, vier Flaschen Herrenhäuser Alster, eine Schachtel blaue Gauloises, zwei Schachteln blaue Pall Mall und eine Schachtel Marlboro Light verkauft. Wir wünschen weiterhin gute Geschäfte!

Adresse und Kontakt:

Sallstraße 35
30171 Hannover
Tel.: (0511) 817496

Öffnungszeiten:

Täglich von 7 bis 22 Uhr

Die Lage:


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